Klar. Aber warum?
Ulis Gedankenwelt(en)

Das Mischpult: Aufzucht und Pflege 1. Oktober 2012

Ein regelmäßiger Besucher / Stamm-Leser dieses Blogs hat angeregt, ich möge doch mal etwas zu Mischpulten schreiben. Nun kann man einwenden, Mischpulte haben in einem Blog über Mikrofone nichts verloren, aber das stimmt so nicht ganz.
Ich sollte mir also den Denkfehler „Mischpult“ näher betrachten.

 

Ein paar Allgemeinplätzchen

Auch bei Mischpulten scheint manchmal zu gelten: Sieht toll aus, hat viele Funktionen und Knöpfe, brauche ich alles. Im schlimmsten Fall hat man irgendwo das Pult stehen sehen (Freund, Webcam, YouTube-Video) und muss es genau deshalb auch haben – der klassische „me-too-Effekt„.

Blöderweise wird auch hier gar nicht nach den eigentlichen Bedürfnissen des Benutzers gefragt. Oder, um noch einen obendrauf zu setzen: Der zukünftige Benutzer fragt es sich noch nicht mal selber und der Fehlkauf ist vorprogrammiert.
Es kommt also darauf an, für was das Pult gut sein soll, welchen Einsatzzweck es erfüllen soll und was daran angeschlossen werden soll.

Der klassische DJ-Mixer zeichnet sich durch zwei bis vier Stereokanäle aus. Die Faderwege sind in aller Regel eher kurz, da eher nicht über die Stellung des Faders geregelt wird, sondern über den Gain. Ein Crossfader ist vorhanden, der Master fällt meist klein oder minimalistisch aus. Ein Mikrofonanschluss ist vorhanden, mitunter aber nur als 6,3er Klinke und mit Drehpoti. Phantomspeisung ist unüblich. Der Mixer hat einen anderen Schwerpunkt, nämlich das DJ’ing.

Über die heutzutage mitunter beliebten Konsolen lasse ich mich hier nicht näher aus, da ich sie als Fernsteuerungseinheiten von Software betrachte, aber nicht als wirkliche Mischpulte.

Das so genannte Live-Pult zeichnet sich vor allem durch eine hohe Anzahl an Mono-Eingängen, flexibles Routing mit vielen Ausspielwegen, langen Faderwegen und (hoffentlich) hochwertigen Komponenten aus: Kleine Veränderungen im Mix sollen bitteschön hörbar sein.
Stereokanäle sind nur in geringer Zahl vorhanden. Der Kanal-EQ ist fein aufgegliedert (parametrische Mitten). Eine Effekt-Sektion ist eher selten vorhanden, weil man dies über externe Effektgeräte im Insert realisiert. Die AUX-Wege sind pre/post schaltbar – oder sollten es zumindest sein.

Kompaktmischpulte versuchen den Spagat zwischen live und DJ und sind mit zusätzlichen Funktionen beladen. Hier wird vor allem der klassische Consumer-Bereich bedient. Bei dem Versuch, die eierlegende Wollmilchsau zu kreieren, geht aber meist was schief.
Zu finden sind alle Varianten: Drehpotis, lange oder kurze Faderwege, verschieden große / kleine Anzahl und Kombinationen an Mono- und Stereokanälen, teilweise mit Crossfader, zusätzlich mit Effektsektion oder auch nicht, halbherzigen Gruppenwegen und mitunter nur einem post-AUX. Gimmicks wie Talk-Over und Bass-Boost runden die Sache ab. Die Auswahl ist so unglaublich groß, dass in dem Gewirr meist nichts halbes und nichts ganzes dabei herauskommt. Da muss die Frage erlaubt sein, wer eigentlich die Käufer-Zielgruppe für diese Teile sein soll.
Liest man sich quer durch die Foren, könnte man meinen: Es gibt nur ca. drei erwähnenswerte Markennamen auf diesem Sektor im Markt, der Rest ist Schrott. Und: Diese Pulte können sehr viel, aber nichts wirklich richtig. Ausnahmen bestätigen mitunter die Regel.

Ebenfalls in den Bereich der Kompaktmischpulte fallen die Rackmixer, die meist für Festinstallationen gedacht sind und in diesem Blog eine untergeordnete Rolle spielen. Auf sie gehe ich an der Stelle nicht näher ein.

Das Broadcast-Pult sollte der Vollständigkeit halber noch erwähnt werden, auch wenn es sich um eine spezielle und nicht so häufig von den Lesern dieses Blogs gekaufte Hardware handelt. Es zeigt aber sehr deutlich den Unterschied zu den vorgenannten Pulten auf: Sehr hochwertige Komponenten verbaut, der Aufbau ist modular, so dass man die Anzahl und Anordnung der Kanäle (Mic / Telco / Stereo) frei konfigureren kann bzw. die jeweiligen Einheiten miteinander verbinden kann. Auch bei den vorgefertigten Produkten der niedrigeren Preisklasse ist das Weglassen von Spielereien auffällig: Keine Effekte, Crossfader, Talk-Over oder ähnliches; wenn überhaupt ein Master vorhanden ist, dann als einfacher Fader und nicht in einer Stereo-Ausführung. Ähnliches gilt für den EQ oder auch einen Pan-Regler.
Wichtiger sind hier Schaltungen für den Studiobetrieb: Talkback, Monitor-Stummschaltung bei geöffnetem Mikrofon, Fader- oder Hotstart für die Zuspieler. Die Faderwege sind in aller Regel lang und sehr leichtgängig und es ist genügend Platz für die Finger zwischen den Kanälen, damit die Bedienung nicht zur Fummelei wird. Ergonomie und Übersichtlichkeit spielen hier eine größere Rolle als bei anderen Mischpult-Typen.

 

Der Bezug zum Mikrofon

Es wäre ja zu schön – und einfach -, wenn es in Bezug auf das Mikrofon vollkommen egal wäre, welches Pult ich nutze. Ist es aber nicht.

Entscheidend ist, wie gut der Vorverstärker im Pult ist, und da gehen die Probleme erst richtig los. Auf die Variante „mit / ohne Phantomspeisung“ gehe ich nicht näher ein; da muss der Käufer selbständig genug sein, das zu beachten.

Dass der DJ-Mixer eher minimalistisch daherkommt, ist nachvollziehbar: Der DJ ist ja nicht der Entertainer mit dem Mikrofon. Es soll einen einfachen Zweck erfüllen, und der wird mit einem dynamischen Mikrofon in aller Regel abgedeckt. Da spielt auch die Hochwertigkeit des Vorverstärkers keine allzu große Rolle, denn die Umgebung ist ohnehin so laut, dass hier kleinere Schwächen nicht auffallen.

Das Live-Pult sollte (!) in Bezug auf seine Vorverstärker über jeden Zweifel erhaben sein. Selbst der Rock-Sänger möchte bitte gut aufgelöst und sauber durch das Pult kommen (zumal im Rock-Bereich auch sehr schöne Balladen zu hören sind). Bei sehr günstigen Pulten, die sich für den Live-Betrieb anbieten, sollte man eher vorsichtig sein und genau hinhören. Vielleicht etwas für den Proberaum – aber wenn es ernst wird, ist man doch besser beraten, sich an die etablierten, hochwertigen (und entsprechend teuren) Marken zu halten.

Ähnlich einfach verhält es sich mit dem Broadcast-Pult: Das Mikrofon im Studio soll und darf hochwertig sein, dann ist es mein Vorverstärker auch. Bereits an anderer Stelle hatte ich mich dazu ausgelassen:

Die Aufnahmekette muss in sich schlüssig sein. Es ist vollkommen sinnfrei, ein Mikrofon im Wert von 500 € an einen Vorverstärker / Interface anzuschließen, der gerade mal 1/10 des Mikrofons kostet. Umgekehrt kann der hochwertigste Wandler auch nicht mehr aus einem schlechten Mikrofon herausholen. Man hört höchstens, wie besch…eiden es ist.

Wenn es das Pult also „nicht bringt“, sollte es für Broadcast-Zwecke auch nicht eingesetzt werden. Fertig, aus.

Mit den Kompaktmischpulten habe ich so meine liebe Not. Von „unglaublich schlecht“ bis zu „überraschend gut“ findet man dort so ziemlich alles an Vorverstärkern, was sich verbauen lässt. Gerade auf diesem Sektor aber ist eine Beratung schwierig bis unmöglich.
Das hat im wesentlichen zwei elementare Gründe:

  1. Der argumentative Betonkopf, der für sachliche Argumente und eine saubere Prioritätensetzung praktisch unzugänglich ist. Da ist der Hotstart (der erst umgebaut werden muss, was aber gern übersehen oder gar ignoriert wird) wichtiger als der Klang und der Talk-Over hat eine höhere Bedeutung als ein rauschender Vorverstärker.
    Das ist dann der Moment, wo ich die Waffen strecke: Kannste nix machen. Solche Nutzer müssen einfach mal allerheftigst auf die Nase fallen und die Ausgabe unter „Lehrgeld“ verbuchen. Auch wenn sie das nur ganz selten zugeben.
    .
  2. „Beim Kollegen funktioniert das ja schließlich auch.“
    Nun, den Erfolg kann man selber auch erzielen – natürlich nur, wenn alle anderen Komponenten ebenso gut sind wie beim Kollegen, auf den man sich beruft. Die Sache wird allerdings ebenso sinnfrei wie absurd, wenn er ein Mikrofon mit einem Output von 25 mV/Pa dort mit super Ergebnissen betreibt und ich mich über ein Grundrauschen wundere, wenn ich „nur“ 8,6 mV/Pa anliefere.

 

Merke: Ein Mischpult ist nicht in jeder Umgebung immer gleich gut. Zu viele Faktoren können das, was hinten rauskommt, beeinflussen.

Das Resümee kann in einem Mikrofon-Blog eigentlich nur lauten: Das Pult muss zum Einsatzzweck passen und der Vorverstärker ist kriegsentscheidend. Der DJ stellt ganz andere Anforderungen als der Sänger und der Moderator / Sprecher wiederum möchte sich anders aufnehmen und hören.

Ein DJ-Mixer gehört nicht in den Proberaum und das Livepult ist für Broadcast-Zwecke falsch dimensioniert. Ein viel zu fummeliges Kompaktmischpult mit einer zu hohen Anzahl an Mikrofonkanälen hingegen würde die Servicekräfte in der Gastronomie, die je nach Tageszeit ihr Lokal unterschiedlich beschallen wollen, überfordern.

Hier noch ein kleiner Gruß aus der Gebetsmühle:
Wer billig kauft, kauft zweimal. Auch bei Mischpulten.

 

  • Anonymous sagt:

    »Die Aufnahmekette muss in sich schlüssig sein. Es ist vollkommen sinnfrei, ein Mikrofon im Wert von 500 € an einen Vorverstärker / Interface anzuschließen, der gerade mal 1/10 des Mikrofons kostet.«

    Freilich gibt es schon einen Grund, es DOCH so zu machen (oder umgekehrt): Wenn gewiß feststeht, daß ich dabei bleibe und es später mal ein »richtiger« Verstärker (oder ein »richtiges« Mikrofon) sein soll. Dann kaufe man – soweit das Budget trägt – fein ein und der Rest wird, damit es schonmal losgehen kann, eben möglichst billig beschafft. Denn

    »Wer billig kauft, kauft zweimal.«

    Genau. Aber dann richtig.

    Gruß TSD

    • Das ist vollkommen richtig: Wer mit einer Langfrist-Perspektive und einer realisierbaren Vision investiert, der kann so vorgehen wie TSD es empfiehlt. Vor meinem geistigen Auge erscheint das Bild des stolzen Besitzers eines Neumann-Mikrofons, der es nicht nutzen kann, weil ihm der passend hochwertige Vorverstärker fehlt. Das wäre frustrierend!
      Ist der Klang dieses ungleichen Paares dann aber doch bescheiden, sollte man besser nicht „Aber ich habe doch ein Neumann-Mikrofon!“ sagen, sondern erst dann laut tönen, wenn es sich auch hörbar lohnt.

      Liebe Leserinnen und Leser, wenn Ihnen / euch Kommentare, Anmerkungen von „TSD“ begegnen und diese ebenso sachlich, vernünftig und vor allem voller Wissen geschrieben sind wie dieser Kommentar (dann sind sie von ihm und nicht gefaked): Speichern, oder, besser noch: Merken, verinnerlichen und anwenden. Ich kenne im Bereich der Studio- und Aufnahmetechnik keinen besseren geduldigen, sachlichen und sehr kompetenten Ratgeber als ihn. Und: Er hat recht, das ist einfach so.
      Ich habe viel von ihm lernen dürfen und manche Frage könnte ich heute nicht beantworten, wenn er nicht zur richtigen Zeit im richtigen Forum gewesen wäre. Manch alberne Idee und einige Humbug-Gedanken hat er mir erfolgreich als Hirngespinste aus meiner Gedankenwelt vertrieben, und ich bin ihm sehr dankbar dafür.
      Wenn TSD etwas schreibt, dann ist das einfach so. Das hat Hand und Fuß, ist logisch, nachvollziehbar und – stimmt.

      Ich freue mich sehr, dass er meinen Blog beehrt hat.

  • Foxhusche sagt:

    Zitat:Hier noch ein kleiner Gruß aus der Gebetsmühle:
    Wer billig kauft, kauft zweimal. Auch bei Mischpulten.

    Da ist was wahres dran, diese Erfahrung habe ich selber gemacht… und gibt man diese Erfahrung weiter wird man Ignoriert…denn die anderen wissen es ja besser. Jeder muss eben seine Erfahrungen selber machen.

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