Klar. Aber warum?
Ulis Gedankenwelt(en)

Die Entzauberung des Heimstudio-Mikrofons 1. April 2014

Seit ich mich mit der Webradioszene, den Heimstudios und ihrer Mikrofonierung beschäftige, bin ich in zahlreichen Diskussionen und Foren meist als Spaßbremse aufgetreten.
Dieser Beitrag wird – erneut – keine Ausnahme sein.

Bereits in dem Beitrag „Me too!“ hatte ich behauptet, dass viele Kaufentscheidungen und sich füllende Wunschlisten meist aufgrund vollkommen irrationaler Gedankengänge zustande kommen. So gehören in ein Heimstudio natürlich Studiomikrofone, wenn es so im Katalog (soll heißen: im Internet-Onlineshop) steht.
Dass ausgezeichnete bühnentaugliche Mikrofone im (Heim-)Studio eine ebenso gute Figur machen, wird dabei gerne übersehen.

Es bleibt letztlich wirklich nur der Vergleichstest in der persönlichen Umgebung.
Zugegeben: Das ist nicht immer ganz so einfach, aber in aller Regel machbar. Ich habe mich selber auf diese Art und Weise mikrofontechnisch weiter entwickelt.
So ein persönlicher Test im geplanten Einsatzbereich bringt sehr viel und vermeidet Fehlinvestitionen.

 

Probieren geht über studieren

In dem Artikel „Niere, aber richtig“ hatte ich einen Unterschied zwischen zwei Mikrofonen angedeutet, der einem im Zweifel das Leben (na gut: die Aufnahme) versauen kann – wenn man nicht aufpasst.
Ich habe noch Zugriff auf diese beiden Mikrofone und habe sie erneut einem direkten Vergleich unterzogen (auf neudeutsch: Shootout). Dabei habe ich beide Mikrofone absolut identisch und zeitgleich angesprochen, beide auf getrennte Spuren aufgenommen und an bestimmten Stellen einen Spurwechsel geschnitten.

Das Ergebnis dieses so entstandenen Blindtests (man sollte nicht hören, ob und wo geschnitten wurde) zeigt dann die wahren Qualitätsunterschiede auf: Hört man den Wechsel nicht deutlich heraus, kann man ruhigen Gewissens zum günstigeren Modell greifen – zumindest in klanglicher Hinsicht.
Sollte man hingegen die Schnittmarken durch einen veränderten Klang hören, stellt sich immer noch die Frage, wie man abhört: Unter hochwertigen Kopfhörern, an der Stereoanlage, den PC-Lautsprechern auf dem Schreibtisch, den Laptop-Lautsprechern oder gar den Ohrstöpseln am Handy bzw. mp3-Player?

Hinzu kommt, dass die Aufnahme ja meist noch in ein datenreduziertes Format komprimiert wird und feine Unterschiede dann auch fast nicht mehr wahrzunehmen sind (es ist eine Illusion, dass sie dadurch stärker zutage treten).
Bei Übertragungen im Webradio oder Videos für YouTube sollte man der Mikrofonierung demnach keine übertriebene Beachtung schenken.
Das soll aber nicht heißen, dass man sie vernachlässigen kann!
Ich warne nur vor Mikrofon-Voodoo und Glaubenskriegen.

In dem vorab beschriebenen Test wurde ich selbst zum Opfer: Das von mir für schlecht gehaltene Mikrofon schlug sich – je nach Aufnahmesituation – recht wacker. Es hat nach wie vor Schwächen, die mir auch in diesem Vergleich aufgefallen sind. Das hat aber mit meiner Aufnahmesituation und meinen Ansprüchen zu tun. Was ich höre – und vor allem, an welchem Lautsprechertyp – hat mit der Kontrolle bei der Aufnahme stellenweise nicht mehr viel zu tun.

Weiter noch: Ein Kollege von mir verwendet das weniger gute Mikrofon im täglichen Betrieb – und das hört man nur, wenn man es weiß. Bei dem Matsch, den er so produziert, muss man auch nicht mehr Geld ausgeben. Für seinen Zweck ist es genau richtig; höherwertiges Material wäre nicht nötig gewesen (außer für sein Ego, aber nicht für das hörbare Resultat).

 

Investieren? Ja, aber richtig

Letztlich will ich genau darauf hinaus: Es ist komplett sinnfrei, Mengen an Geld für ein (angeblich) noch so tolles Mikrofon zum Fenster hinauszuwerfen, wenn es nicht zum Aufnahmezweck und der Umgebung passt. Man muss den Unterschied in der Qualität über den benutzten Kanal (!!) auch hören können, sonst war das eine glatte Fehlinvestition.

Nach wie vor stehe ich zu meinem Faible für externe Soundkarten (Audio-Interfaces) und steigere mich sogar in der Aussage, dass man lieber gutes Geld in ein amtliches Interface stecken sollte, das nahezu jedes Mikrofon gut verstärken und digital wandeln kann.

Bei mir ist das nicht anders: Mein Interface war teurer als das Mikrofon – und die Ergebnisse sind mit Sicherheit angenehmer als mit den so genannten Studiomikrofonen (meins erhebt jedenfalls nicht den Anspruch darauf, eins zu sein).

Sorry, wenn jetzt einige Seifenblasen und Luftschlösser platzen, aber wenn man nicht richtig ambitioniert an die Sache herangeht, ist der Hype um das ach so tolle Mikrofon im Heimstudio gleichermaßen übertrieben wie unnütz.
Entscheidend ist, was ihr vor habt und nicht, was vielleicht toll wäre – und akustisch dann doch nichts bringt.

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