Klar. Aber warum?
Ulis Gedankenwelt(en)

USB-Mikrofon, USB-Pult oder externe Soundkarte? 9. September 2012

Auf diese Frage kann es keine allgemeingültige Antwort geben, auch wenn sie nach wie vor in Foren und auf Ratgeberplattformen ebenso intensiv wie kontrovers diskutiert wird.
Jede Variante hat eindeutige Vor- und Nachteile.

Zunächst aber sollte ein wenig Basiswissen helfen, Missverständnisse zu vermeiden.

 

Grundbegriffe, Gemeinsamkeiten und Unterschiede

Eins ist allen gemeinsam: Das analoge Mikrofonsignal muss in den digitalen Rechner. Dazu hat jedes System einen A(nalog)/D(igital)-Wandler. Im Kern ist es genau seine Qualität, die den Flaschenhals ausmacht.
– Was qualitativ vor dem A/D-Wandler passiert, gehört in einen anderen Eintrag. –
Auch die rechnereigene Soundkarte ist ein A/D- bzw. D/A-Wandler, nur eben mitunter von recht bescheidener Qualität. Externe Systeme bieten hier meist Vorteile.

Die Kernfrage lautet also: Wo ist dieser Wandler verbaut und welche Möglichkeiten bietet er mir bei welcher Bauweise?

Ist der Wandler direkt im Mikrofon, spricht man vom „USB-Mikrofon„. Großartige Einflussmöglichkeiten hat man hier nicht. Direkt an den PC anschließen, reinsprechen, fertig. Eine im allgemeinen meist sehr günstige Lösung.

Mischpulte mit USB– Ein-/Ausgang haben den Wandler im Pult eingebaut. Je nach Routing ist er mit dem Master parallel geschaltet, folgt dem Record-Ausgang oder hat einen eigenen Weg. Je besser das Pult und sein Routing, um so teurer wird es.
Allerdings garantiert ein USB-Pult nicht automatisch, dass vier Eingangskanäle auch in vier verschiedene Spuren der Aufnahme- und Bearbeitungssoftware (Digital Audio Workstation, DAW) überführt werden. Da ist Firewire meist die geeignetere Lösung, aber das sprengt den Rahmen dieses Beitrages.

In einer externen Soundkarte, die korrekterweise „Audio-Interface“ heißt und in den Online-Shops auch unter diesem Begriff geführt wird, haben wir es mit einer der flexibelsten Formen des Wandlers zu tun.
Na gut, jede Soundkarte ist ein Audio-Interface; ob intern oder extern… aber in aller Regel reden wir von externen Soundkarten mit USB-Anschluss. Sie sind jedenfalls am gängigsten, wenn es keine der beiden vorgenannten Lösungen sein soll. Die preisliche Bandbreite ist hier sehr groß und in der Mehrzahl der Fälle steht sie im direkten Zusammenhang mit der Qualität das Interfaces.

 

Was sollte man beachten?

Phantomspeisung
Zunächst einmal muss (!) Phantomspeisung – 48 Volt sind üblich – vorhanden sein, denn im Recording-Bereich sind Kondensatormikrofone sehr weit verbreitet. Die Bereitstellung der Phantomspeisung sollte eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein, aber…
Na gut, bei den USB-Mikrofonen erledigt sich das von selbst, aber bei den Interfaces sollte man noch mal genau in die Beschreibung schauen. Da tummelt sich nämlich die ein oder andere Mogelpackung. Im Hinblick auf zukünftige Investitionen entpuppt sich das dann später als böse Falle. Und (USB-)Mischpulte mit Mikrofoneingang ohne Phantomspeisung sind entweder Clubmixer für – echte! – DJs oder Spielzeuge, die allerhöchstens in den Partykeller ohne Anspruch gehören.

Direct monitoring / Kopfhöreranschluss
Für mich ein wichtiges Instrument, aber da komme ich mir wie der einsame Rufer im Wald vor: Kopfhöreranschluss für das direct monitoring, d.h. die Abhöre der Aufnahme vor dem Wandler bzw. PC. An dieser Stelle versagen bereits die meisten USB-Mikrofone – und ich frage mich, warum. Die Zahl der USB-Mikrofone mit Kopfhöreranschluss zum direct monitoring ist angesichts der großen Zahl solcher USB-Produkte überraschend gering.
An Mischpulten ist der Kopfhöreranschluss selbstverständlich. Die Interfaces stehen dem in aller Regel nicht nach.
Beim monitoring über den PC bekommt man es meistens mit einem Latenzproblem zu tun – die zeitliche Differenz zwischen der eigenen Stimme und dem Rücksignal aus dem Rechner – und auch die PC-Lautsprecher auf dem Schreibtisch sind für ein gutes Monitoring nur bedingt geeignet. Wer sich also ohne Kopfhörer aufnimmt, ist entweder bemerkenswert gut oder selten dämlich. Sorry, da fehlt mir jegliches Verständnis.

XLR-Buchse
Man möge mich festnageln, aber ich bin ein Gegner von Klinkensteckern, wenn es um Mikrofone geht. Dabei meine ich nicht diese 3,5 mm-Teile, die in den PC gesteckt werden, sondern den „echten“ 6,3 mm-Klinkenstecker. Mein Favorit bei Mikrofonanschlüssen ist und bleibt die XLR-Verbindung.
Diese dogmatische Haltung ist leicht zu erklären: Mikrofonverbindungen müssen symmetrisch sein, alles andere ist Käse – und bei Phantomspeisung sowieso unerlässlich. Bei Klinkenverbindungen besteht nun aber mal leicht die Gefahr, dass man aus Versehen oder aus Unwissenheit zu einem unsymmetrischen Stecker („Monoklinke“) greift – und schon haben wir eine Fehlerquelle mehr, die keiner braucht.
Eigene (schlechte) Erfahrungen mit einem Billig-Mikrofon inkl. beiliegendem Monoklinkenkabel sind mir als Warnung im Gedächtnis haften geblieben – es klang gräßlich. Mit einem XLR-Kabel ging es deutlich besser, wenngleich es immer noch „billig“ klang.
Merke: In meiner Welt sind symmetrische Verbindungen beim Mikrofonanschluss Pflicht, und XLR ist hier das Mittel der Wahl.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich gönne jedem sein Spielzeug, aber wenn es um ambitioniertes Recording geht, sollte man sich nicht mit halbseidenen Hilfskonstruktionen und „geht ja auch so, irgendwie“-Produkten begnügen.

 

Vor- und Nachteile

Das USB-Mikrofon ist kompakt, einfach und zumeist günstig. Auspacken, anschließen, fertig. Allerdings gilt hier meistens: Je günstiger (und billiger), desto Rausch.
Da der A/D-Wandler hier gleich mit verbaut ist, kann man auf seine Qualität keinen Einfluss nehmen. Möchte man später auf ein anderes / besseres Mikrofon umsteigen, kann man das integrierte Interface nicht weiter nutzen.
Außerdem, um hier mit einem weit verbreiteten Missverständnis aufzuräumen: Man kann reine USB-Mikrofone nicht an ein Mischpult anschließen! Da mag das Mischpult so viele USB-Buchsen haben wie es will – es geht einfach nicht (Stand der Technik: September 2012). Wer jetzt lacht: Man sollte nicht glauben, wie viele Knalltüten auf meinem Lieblingsportal gutefrage.net auf die Idee kamen, unsinnige USB-Kabel und Adapter-Kombinationen zu erfragen oder gar selber basteln zu wollen. Herr, schmeiß‘ Hirn… ach, ich vergaß, Lieferrückstand. Ja, man merkt’s.

USB-Pulte sehe ich mit gemischten Gefühlen. Vom billigen Schrott-Teil bis zum geilen Live-Pult mit USB-I/O und intelligentem Routing ist alles drin. Wer sich ein Kleinstpult als günstige Alternative zu einem reinen Audio-Interface holt, wird vermutlich mit miserablen Mikrofonvorverstärkern gestraft. Irgendwo muss ja gespart werden, und so viele Teile zum dran sparen sind in so einem Mini-Pult nun wahrlich nicht verbaut. Der Preis des Sparwahns ist dann voraussichtlich die Qualität.
Dann gibt es noch die Fraktion, die sich über im Pult eingebaute Effekte, einfache Kompressoren etc. freut. Ich sehe das eher skeptisch. Die Aufnahme sollte meiner Ansicht nach so…

  1. rein,
  2. unbeeinflusst
    und
  3. hochwertig

… wie möglich in die DAW kommen. Dort kann ich hinterher immer noch mit allen möglichen Effekten experimentieren. Was aber erst mal im Aufnahmeprozess vermüllt wurde, lässt sich hinterher nur schwer bis gar nicht bereinigen / beseitigen.
Ergänzend sei noch erwähnt, dass das USB-Pult das einzige Gerät in diesem Vergleich ist, das Strom aus der Steckdose benötigt. Das USB-Mikrofon und die meisten externen Soundkarten werden vom USB-Bus gespeist und generieren daraus auch die von Kondensatormikrofonen benötigte Phantomspeisung. Damit scheidet das USB-Pult als echte mobile Lösung für die Aufnahme unterwegs am Laptop aus.

Das Audio-Interface (die externe Soundkarte) bietet ab einem gewissen Preisniveau – ungefähr dort, wo die ersten bedenkenlos brauchbaren Mikrofone beginnen – eine gute Qualität und spielt seine Stärken da aus, wofür es von Hause aus konzipiert wurde: Aufnehmen, wandeln und ab in den PC. Außerdem kann es als wichtiges Bindeglied zwischen dem PC und dem Mischpult dienen. Mikrofone können wechseln, das Interface bleibt.
Nachteil ist ein vergleichsweise hoher Einstiegspreis für „nur“ ein Interface. Nimmt man das Interface, ein Mikrofon plus Zubehör zusammen, kommt man aktuell so gut wie gar nicht unter 200 Euro raus. 250 bis 300 Euro sind da als Untergrenze wahrscheinlicher. Allerdings, und das macht es zu meiner Empfehlung, ist es eine Investition in eine Zukunft mit Flexibilität.

 

Randbemerkungen

Die Aufnahmekette muss in sich schlüssig sein. Es ist vollkommen sinnfrei, ein Mikrofon im Wert von 500 € an einen Vorverstärker / Interface anzuschließen, der gerade mal 1/10 des Mikrofons kostet. Umgekehrt kann der hochwertigste Wandler auch nicht mehr aus einem schlechten Mikrofon herausholen. Man hört höchstens, wie besch…eiden es ist.
In beiden Fällen am falschen Ende gespart.

In Ausnahmefällen – und als gar nicht mal so blöde Improvisationslösung – lassen sich auch Pocketrecorder (digitale Aufnahmegeräte mit USB und eingebauten (brauchbaren) Mikrofonen, wahrscheinlich sogar Stereo nutzbar) als Live-Interface nutzen. Bei den meisten Modellen lassen sich externe Mikrofone anschließen, wobei sich über die Qualität der dort verbauten Vorverstärker trefflich streiten lässt.

 

Fazit

Wer es bis jetzt noch nicht herausgelesen hat, dem schreibe ich es nun noch mal deutlich ins Stammbuch: Ich bin ein Anhänger von externen Audio-Interfaces. Für mich stellen sie die beste und flexibelste Lösung mit Zukunftsperspektive dar, die zu alledem mobil hilfreiche Unterstützer sind. Von allen Varianten haben sie am wenigsten Nachteile – aber das bezahlt man, zu Recht, mit einem vergleichsweise hohen Preis.

Bei Wandlern generell gilt, wie auch sonst: Wer billig kauft, kauft zweimal.
Wer schon das Ziel vor Augen hat, sich aufzunehmen, sollte also nicht geizen, sondern mit Weitblick und Perspektive lieber richtig investieren. Dann wird’s auch was mit der Aufnahme.

Wer dem Flaschenhals „A/D-Wandler“ hohe Aufmerksamkeit schenkt und von Anfang an richtig plant, hat später ein oder mehrere Probleme weniger.
Das lohnt sich doch, oder?

  • Ronald Wytek sagt:

    Wow! Vielen Dank für die rasche und hilfreiche Antwort.

    Mit Audacity bin ich schon Mal beim gleichzeitigen Streamen und Aufnehmen gescheitert (Störgeräusche bei der Aufnahme, vermutlich an Latenzen). Mit No. 23 Recorder klappt es!

    Mein nächster Test wird sein, ob die Streaming- bzw. Aufnahmequalität mit dem Audio Interface (Behringer UCA222 USB) besser ist als pur mit meiner Workstation (Fujitsu Siemens Celsius Mobile H270 2.66GHz Win 7). Dazu fehlt mir noch ein Adapter. Die Soundkarte der Workstation ist angeblich eher schwach … ich bin gespannt!

    • Da es hier stellenweise sehr detailliert wird, schlage ich vor, die Diskussion per Mail fortzusetzen.
      Bitte schreiben Sie mir eine Nachricht an ulinobbe ätt gmail.com, dann kann ich auf einzelne Fragen besser eingehen.

      Vielen Dank!

  • Ronald Wytek sagt:

    Danke! Das macht alles Sinn!

    Als Webinartrainer (für live-online Seminare) hätte ich eine Frage an den Profi: Können Audio-Interfaces üblicherweise das Signal für den „live-stream“ zur Verfügung stellen und gleichzeitig aufzeichnen? Oder/und, ist diese Funktionialität softwareabhängig? Nach welchem Begriff muss ich suchen, wenn ich diese Funtionalität brauche und ein entsprechendes Audio-Interface finden möchte?

    Bin gespannt auf Antwort!

    • Hallo Ronald,

      das ist keine Frage des Interfaces, sondern letztlich der Software auf dem PC sowie, natürlich, dessen Leistungsfähigkeit, mehrere Prozesse auf einmal zu verarbeiten.

      Das Interface an sich (bzw. die OnBoard-Soundkarte, alles eine Frage der Qualität) machen im Grunde vor allem eines: Sie liefern ein Eingangssignal. Was damit nun im Rechner passiert bzw. wie es weiterverarbeitet wird, ist dem Interface herzlich egal.
      Insofern braucht es bei der Suche nach dem geeigneten Gerät keine einschränkende Stichwortsuche, da der Mitschnitt keine besondere Leistung des Interfaces ist. Gute Nachrichten also!

      Die klassische Webradio-Anwendung (so in etwa laufen ja auch Ihre Seminare ab, vermute ich) nutzt ebenso das Live-Streaming und zugleich (!) den Mitschnitt der Sendung für eine spätere Zusammenfassung als Aircheck, Podcast etc..

      Ob ich nun also nur einen Prozess nutze (Live-Streaming) oder noch weitere (Mitschnitt via No. 23 Recorder, Audacity etc.), ist egal, weil alle zugleich das Eingangssignal, z.B. USB Audio Codec oder Name des Interfaces, nutzen können. Der Abgriff des Signals ist kein leistungsminderndes „Input-Sharing“; diese Ressource ist nicht begrenzt.
      Einzig die Leistungsfähigkeit des PC kann einen Flaschenhals darstellen und, leider, wie ressourcenhungrig die jeweiligen Programme sind.

      Als schlank hat sich der No. 23 Recorder dargestellt (es geht ja erst mal nur um den Mitschnitt; die Nachbearbeitung ist eine andere Baustelle), der im Hintergrund brav und lange aufzeichnet.
      Manche Streaming-Programme, so zumindest ist es im Bereich des Webcastings / Webradio, haben die Option des parallelen Mitschnitts gleich mit eingebaut. Auch das sollte geprüft werden.

      Zum Schluss noch ein Praxistipp: Speichern Sie den Mitschnitt (zunächst) auf die interne festplatte des Rechners und nicht sofort auf die externe Festplatte. Externe Festplatten sind etwas sehr nützliches, aber 1:1 Live-Mitschnitte überfordern manchmal den USB-Bus, auch wenn das kein Hersteller offiziell zugeben würde. Von daher: Erst intern mitschneiden und danach die Datei auf ein externes Medium übertragen.

      Viel Erfolg & Gruß,
      Uli

  • Anonymous sagt:

    Danke lieber Autor für diesen erhellenden Beitrag, der mir in kurzer Zeit vieles klarer (und langfristig günstiger) gemacht hat.

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